Pro domo nostra - Unser Jubilaeum

Marcus Tullius Cicero. Photomontage (C) 2007 Markus Robert Keßler
Marcus Tullius Cicero

Lieber Leser,

heute möchte ich Dir eine kleine Geschichte aus dem alten Rom erzählen. Und auch hier ist der Bezug zu unserer Zeit sehr deutlich zu erkennen.

Es war einmal... ein römischer Senator, ein Gelehrter und begnadeter Rhetoriker – ja, die Rede ist von Marcus Tullius Cicero.
Aus bürgerlichem Hause stammend, hatte Cicero sich hochgedient, und sah sich stets als der Mann aus dem Volk, für das Volk. Auch der heute noch beliebte Satz „Salus populi suprema lex“, sinngemäß „Das Wohle des Volkes ist oberstes Gebot“ als Leitspruch Ciceros, war, entgegen aller leerer Floskeln aktueller „Volksvertreter“, verbindliches Versprechen statt nur Wahlkampfspruch.

Und wie erwartet und bestätigt durch die Überlieferung, stieß nun diese Einstellung auch damals schon, vor zwei Jahrtausenden bereits, bei seinen Konkurrenten auf gedämpfte Resonanz. Es war gerade das verwöhnte Bonzensöhnchen „Clodius“ – ein Patrizier mit Geld und Macht – mit vollem Namen „Publius Claudius Pulcher“ – die Lateiner werden uns erklären, der Zusatz „pulcher“ heiße „schön“, ja, für einen „Schönen“ hielt sich unser Clodius – dessen strittiger Erfolg es war, Cicero zu stürzen und dafür zu sorgen, daß sein Vermögen eingezogen, sein Haus samt Grundstück öffentlich versteigert, und dieser dann, als Krönung sozusagen, aus dem Land verwiesen wurde, was gemeinhin als „Verbannung“ galt.

Und langsam dämmert uns, daß hier die Parallele liegt:

Auch wir, die Siemensianer, wir, die wir bis 2003 hinein strebsam und in treuer Pflichterfüllung an unseren Projekten feilten, wir, die „Siemens- Großfamilie“, für die wir alles gaben, wurden mittels Massenkündigung aus unserer heilen Welt gerissen. Wir wurden, enthoben unserer Ämter, unserem Schicksal überlassen, freigestellt, verbannt von unserem Arbeitsplatz, der unser Leben war.

Doch auch Cicero bekam, genau wie wir, die Chance, in fairem Kampfe für sein Hab und Gut sich einzusetzen, auf daß es ihm zurückgegeben werde. Man gab ihm die Gelegenheit, vor Gericht an die zu seiner Zeit allmächtigen „Pontifices“ – ein anderes Wort für „Priesterschaft“ – zu appellieren, es sei ihm sein Vermögen und sein Grundstück mitsamt der Reste seines in der Zwischenzeit zum Tempel umgebauten Hauses unbedingt zurückzugeben.

So hieß dann auch die legendäre Rede Ciceros „pro domo sua“, wörtlich „für sein Haus“ – ein Begriff, der, nur unwesentlich verkürzt, als „pro domo“, wörtlich „für das Haus“, in unserer Sprache oft und gern im Sinne von „in eigener Sache“ zur Verwendung kommt, den wir überdies als Markennamen kennen, und den wir auch als Redewendung aus unserem Wortschatz schwerlich streichen könnten.

Die Rede selbst war von Erfolg gekrönt, Cicero war rehabilitiert und äußerte, er habe sich mit diesem Meisterwerk, mit diesem existenzentscheidenden verbalen Kampfe selber übertroffen! Und wir entnehmen der Geschichtsschreibung, daß Cicero sich nicht sofort nach seiner Rückkehr seinen Ämtern widmen konnte, da erst das Volk gar vielerorts und wochenlang mit seinem Helden feiern wollte!

Und auch wir bekamen unsere „zweite Chance“ – zwar nicht vor ebendieser Priesterschaft, zumindest aber gleichfalls vor Gericht. Es galt auch hier, Gesetzesbruch als solchen aufzuzeigen, und wie „pro domo nostra“, wie „für unser Haus“, zu kämpfen, das auch für uns die Basis unseres Daseins ist. Auch wir konnten – dank „Verbannung“ – unsere „Reden“ sorgsam ausarbeiten, und lernten, diese vor den „Priestern“ vorzutragen. Wir strebten mittels deren „Anrufung“ – genau wie Cicero – ein Urteil an, um unsere Rechtsansprüche durchzusetzen, und unser gutes Recht zurückzufordern. Und auch wir erfuhren Segenswunsch und Anerkennung für jeden Kampf, den wir gewonnen hatten – auch unsere Prozesse griff das Volk begeistert auf – und wenn Cicero uns hätte sehen können, wir sind uns sicher, er als unser Lehrer wäre stolz auf uns gewesen!

Es läßt auch unsere „Verbannung“ sich auf den Tag genau datieren – es war der 15. im Januar 2003 – und so jährt sich unsere „Amtsenthebung“, die wir sicher nie vergessen werden.

Und nach jahrelangem Rechtsstreit sind auch wir zurück in „Amt und Würden“, und sind uns dabei wohl bewußt, daß ebendiese Kampfbereitschaft unsere Existenz gerettet hatte. Wir wissen wohl, daß damit keinesfalls der Kampf zu Ende ist, doch bringen wir für unsere „Amtskollegen“ die Erkenntnis mit, daß selbst ein solcher „Sturz“ kein schicksalhaftes Ende ist!


Und mit dieser Botschaft schließe ich meinen Brief und verbleibe

mit den allerbesten Grüßen,
Unterschift

This email was sent using FileMail 4.2